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Objekt · Spur

Sweerts Michiel: Portrait einer Unbekannten

Datierung

1654

Objekttyp

Gemälde

Porträt einer Unbekannten – Michiel Sweerts, ca. 1654

Es gibt Bilder die einen anschreien. Und es gibt solche die einfach dasitzen und schauen. Dieses hier gehört zur zweiten Sorte. Eine Frau blickt uns an – nicht herablassend, nicht bittend, nicht gefällig. Sie schaut. Punkt. Und wie sie schaut ! Nicht spektakulär sondern so verdammt still irgendwie. Still und dabei echt. Man möchte sagen: Sie ist nicht gemalt worden, sie ist einfach dagewesen und der Maler hat es gerade noch geschafft, sie festzuhalten bevor sie weitergegangen ist.

Der Maler in diesem Fall heißt Michiel Sweerts, flämischer Herkunft, barocke Epoche, also ungefähr 17. Jahrhundert, genauer gesagt um 1654 herum. Sweerts war ein Weltreisender in einer Zeit in der das Reisen noch etwas mit Schiffen, Mönchen und gelegentlichem Fieber zu tun hatte. Er war in Brüssel geboren, in Rom gereift, in Persien verlaufen und in Indien (Goa!) gestorben. Dazwischen hat er gemalt. Und wie.

Anders als sein allzu glänzender Kollege Rubens – der mit dem Pinsel stets auf dem Ölteppich unterwegs war und dem Dekolleté grundsätzlich mehr Fläche als dem Gedanken einräumte – war Sweerts leiser. Und präziser. Seine Menschen atmen. Sie leben nicht in Posen sondern in Augenblicken. Dieses Porträt einer unbekannten Frau ist ein Paradebeispiel dafür. Nichts an ihr schreit: „Ich bin wichtig!“ Aber alles an ihr sagt: „Ich bin da.“

Die Dame auf dem Bild trägt keine Krone, keine dramatische Mimik, nicht einmal einen Hauch von Accessoire. Vielleicht ist sie eine Witwe, vielleicht eine Bäuerin, vielleicht hat sie gerade beschlossen, ihren Mann zu verlassen und eine Brennnesselsuppe zu kochen. Wir wissen es nicht. Was wir wissen: Sie ist würdevoll. Und sie lässt sich nicht vertreiben. Nicht aus dem Bild, nicht aus dem Kopf.

Dass dieses Bild heute im Getty Museum in Los Angeles hängt, ist eine kleine Ironie der Kunstgeschichte. Zwischen Lichtinstallationen und audiogeführtem Selfiekult sitzt da eine Frau aus dem 17. Jahrhundert und schaut in die Welt, als würde sie fragen: „Und? Hat sich viel geändert?“ Die Antwort ist unklar. Ihr Blick bleibt.

Besonders bemerkenswert ist, dass dieses Bild keinen Namen trägt. Es heißt einfach „Portrait of an Unknown Woman“. Das ist ehrlich. Und offen. Und es lässt Raum – zum Deuten, zum Fühlen, zum Benennen. Genau das hab ich getan. Ich hab sie Jeanne genannt. Nicht als Behauptung. Als Geste. Als Antwort. Und damit ist sie keine Unbekannte mehr. Sie ist jetzt eine Figur. Ein Spiegel. Ein Funke. Für mich ist sie Jeanne.

Michiel Sweerts hat gemalt was nicht vergeht. Nicht Ruhm, nicht Rollen, sondern Gegenwart. Und dieses Bild, so ruhig es auch ist, trägt eine Kraft in sich, die größer ist als Pathos. Es ist ein stiller Widerstand gegen alles Aufgesetzte. Es ist das Porträt einer Frau, die nichts will – und genau darum alles sagt.

Vielleicht hat sie geschwiegen. Vielleicht hat sie geführt. Vielleicht war sie eine Jeanne. Vielleicht wird sie es wieder.

So oder so: Sie ist da. Und sie bleibt.

Resonanz

Weitere Personenbezüge