Rede zur Eröffnung von „Zwischenräume – Die Sieben Säulen“ am 26. Juni 2026 im Holzknechtmuseum Ruhpolding.
Der ursprünglich geplante Eröffnungstermin musste wegen des Waldbrandes am Saurüsselkopf abgesagt und verschoben werden. Am 26. Juni konnte die Installation schließlich gemeinsam mit Gästen, Projektpartnern, Heimatforscherinnen und Heimatforschern, Kunstschaffenden, Freunden und Bekannten eröffnet werden.
Liebe Gäste,
liebe Heimatforscherinnen und Heimatforscher,
liebe Vertreterinnen und Vertreter aus der Politik,
liebe Künstler, Freunde und Bekannte,
ich freue mich wirklich narrisch, dass ihr heute alle da seid und euch anschaut, was wir hier gemeinsam aufgebaut haben.
Wir eröffnen heute die Installation „Zwischenräume – Die Sieben Säulen“. Wobei „eröffnen“ vielleicht gar nicht das richtige Wort ist. Denn dieses Werk ist nicht fertig. Es wird sich weiterentwickeln – mit jedem Menschen, der sich auf den Weg macht, zuhört, stehen bleibt und ein bisschen nachdenkt. Vielleicht sagt jemand: Das sehe ich genauso. Vielleicht sagt jemand: Das sehe ich völlig anders.
Beides ist gut. Denn mit jedem Menschen lebt dieses Werk weiter.
Der siebte Körper
Die Installation ist nach dem Sieben-Körper-Modell aufgebaut. Dieses Modell ist entstanden, während ich mich mit dem Projekt beschäftigt habe.
Sechs Körper können wir sehen: Ressourcen, Leben, Kultur, Werte, Verantwortung und Handeln. Über den siebten Körper kann ich nichts sagen. Er bleibt offen. Wenn man ihn festlegt und vollständig beschreibt, macht man ihn kaputt.
Vielleicht entsteht er genau dazwischen: zwischen den Säulen, zwischen den Menschen, zwischen dir und mir – und zwischen all dem, was jeder Einzelne hier erlebt.
Ressourcen
Anfangen tun wir mit den Ressourcen.
Damit meine ich nicht bloß Geld und Material. Ressourcen sind auch dieser Ort, die Alm, das Museum, die Landschaft und die Geschichte. Dazu gehört das Wissen der Menschen, die hier leben. Aber genauso gehören die Menschen dazu, die als Gäste zu uns kommen und einen neuen Blick mitbringen.
Nichts davon ist einfach vom Himmel gefallen. Auch eine Straße liegt nicht zufällig dort, wo sie heute liegt. Ein Weg, eine Alm oder ein Dorf haben sich über Generationen entwickelt. Dahinter stehen Entscheidungen, Erfahrungen und Beziehungen.
Wenn wir verstehen wollen, wo und wie wir heute leben, müssen wir uns damit beschäftigen, wie dieser Ort geworden ist.
Dabei spielen unsere Heimatforscher eine wichtige Rolle. Sie sammeln nicht bloß Geschichten darüber, wie es früher einmal gewesen ist. Sie helfen uns zu verstehen, warum unsere Gegenwart heute so aussieht, wie sie aussieht. Und nur wenn wir das Gewachsene kennen, können wir auch vernünftig weiterdenken.
Leben
Der zweite Körper ist das Leben.
Bei der Arbeit an diesem Projekt habe ich viel über den Begriff „Umwelt“ nachgedacht. Irgendwann habe ich gemerkt: Eigentlich gibt es gar keine Umwelt.
Das Wort klingt so, als wären wir hier – und um uns herum wäre eine andere Welt. Aber das ist Schmarrn. Wir stehen nicht außerhalb. Es gibt nur diese eine Welt, und wir sind ein Teil davon.
Das gilt auch für die Alm. Sie ist Natur und gleichzeitig ein Kulturraum. Menschen haben sie über viele Generationen gepflegt und gestaltet. Dadurch sind freie Flächen entstanden. Dort finden Blumen, Pflanzen, Insekten, Birkhühner und viele seltene Arten ihren Lebensraum.
Wenn alles zuwächst, verschwinden viele davon.
Diese Vielfalt ist also nicht entstanden, weil niemand etwas getan hat. Sie ist entstanden, weil Natur und menschliches Handeln zusammengespielt haben.
Und das gilt nicht nur auf der Alm. Es gilt genauso für unsere Dörfer, unsere Gemeinden und unseren eigenen Lebensraum. Vielfalt braucht Aufmerksamkeit, Beziehung und manchmal auch ganz konkrete Arbeit.
Kultur
Damit sind wir beim dritten Körper: der Kultur.
Kultur ist für mich keine Dekoration. Sie ist keine nette Sache, die man sich leistet, wenn gerade noch ein bisschen Geld übrig ist.
Kultur ist die Art, wie wir miteinander leben. Wie wir mit unserer Geschichte umgehen. Wie wir unsere Orte gestalten, wie wir Veränderungen begegnen und wie es bei uns ausschaut – nicht nur äußerlich, sondern auch menschlich.
Damit bin ich bei der Heimat.
Heimat ist für mich nichts, das man irgendwo hinstellt und dann beschützt. Vor was denn? Vor wem oder was will ich Heimat beschützen?
Heimat muss man leben. Man muss sie entwickeln und gestalten. Man muss Heimat sein.
Dazu gehört, dass man seine eigenen Wurzeln kennt. Aber es gehört genauso dazu, dass man offen ist und auf andere Menschen und andere Kulturen zugeht.
Kulturelle Vielfalt entsteht nicht dadurch, dass wir uns voneinander abschotten. Sie entsteht, wenn wir wissen, woher wir kommen, und trotzdem miteinander in Kontakt treten. Und wer neu zu uns kommt, ist herzlich eingeladen, sich mit dem Ort auseinanderzusetzen, an dem er jetzt lebt – mit seinen Menschen, seiner Geschichte und seinen Möglichkeiten.
Werte
Der vierte Körper sind die Werte.
Wenn ich einen Ort wirklich kennenlerne, sehe ich plötzlich Dinge, an denen ich vorher einfach vorbeigegangen bin. Ich erkenne Zusammenhänge. Ich nehme Unterschiede wahr. Und vielleicht entdecke ich auch die Schönheit, die in dieser Vielfalt steckt.
Dann muss mir niemand mehr sagen, dass ich mich darum kümmern soll. Ich tue es, weil mir dieser Ort etwas bedeutet.
Im Mittelpunkt muss dabei immer die Würde des Menschen stehen. Jeder Mensch hat seinen eigenen Wert – unabhängig davon, woher er kommt, was er besitzt, wie einflussreich er ist oder was er leisten kann.
Menschenwürde zeigt sich nicht nur in großen Erklärungen. Sie zeigt sich darin, wie wir einander im Alltag begegnen: ob wir zuhören, ob wir einander ernst nehmen und ob wir andere überhaupt zu Wort kommen lassen.
Natürlich hat auch Kultur einen Preis. Solche Projekte kosten Geld. Dieses Geld haben unsere Projektpartner bereitgestellt. Aber der eigentliche Wert entsteht erst durch die Menschen, die sich Zeit nehmen, sich auf das Werk einlassen und ihre Gedanken, ihr Wissen, ihre Arbeit und ihre Haltung einbringen.
Deshalb möchte ich mich ganz besonders bei unseren Projektpartnern bedanken. Sie haben dieses Projekt angestoßen und überhaupt erst möglich gemacht. Sie haben Verantwortung übernommen und Geld in die Hand genommen.
Kultur zu wollen, ist leicht. Kultur wirklich zu ermöglichen – dazu gehört schon mehr.
Mein besonderer Dank gilt der Heinz Sielmann Stiftung und ganz besonders der Andrea von Braun Stiftung. Danke für euer Vertrauen, eure Beratung und dafür, dass ihr diese Auseinandersetzung ermöglicht habt.
Ich möchte mich natürlich auch beim Holzknechtmuseum bedanken, besonders bei Franziska. Sie ist mit unserem Projekt ziemlich ins kalte Wasser geworfen worden, weil sie noch nicht lange hier war. Trotzdem hat sie sich sofort interessiert, aufgeschlossen und offen gezeigt.
Diese Offenheit hatte auch schon ihre Vorgängerin Lydia. Sie hat gesagt: Ein Museum darf nicht nur zurückschauen. Es muss sich auch mit den Fragen der Gegenwart und der Zukunft beschäftigen.
Ein Museum muss sammeln, bewahren und vermitteln, ganz klar. Aber wenn es lebendig bleiben will, muss es auch neue Gedanken und Experimente zulassen.
Genau diese Haltung hat unsere Installation möglich gemacht. Dafür danke ich Franziska und Lydia, aber auch dem Holzknechtverein, der gesagt hat: Probiert es aus, macht das.
Verantwortung
Der fünfte Körper ist die Verantwortung.
Für mich steckt die Antwort schon in diesem Wort. Verantwortung heißt: Ich gebe eine Antwort auf das, was mir begegnet.
Ich kann natürlich die Achseln hochziehen und sagen: Das ist halt so. Da kann man nichts machen.
Oder ich kann mich einer Sache zuwenden und fragen: Was kann ich beitragen?
Haltung zeigt sich nicht darin, dass man besonders schöne Reden hält – wie ich gerade. Haltung zeigt sich im Alltag. Wenn man zuhört, hingeht, sich interessiert, andere beteiligt und Wissen teilt. Und wenn man bereit ist, auch einmal selbst den ersten Schritt zu machen.
Gerade vor Ort brauchen wir Offenheit und nachvollziehbare Entscheidungen. Wir brauchen Menschen, die das Gemeinwohl in den Mittelpunkt stellen. Und wir brauchen den Respekt vor der Würde jedes Einzelnen – auch dann, wenn wir unterschiedlicher Meinung sind.
Handeln
Damit kommen wir zum sechsten Körper: dem Handeln.
Die großen Fragen unserer Zeit wirken oft so riesig, dass wir kaum wissen, wo wir anfangen sollen. Klimawandel, gesellschaftliche Veränderungen, künstliche Intelligenz oder Migration – kein einzelner Mensch, kein Staat und auch keine Europäische Union wird diese Fragen allein lösen.
Aber deshalb müssen wir nicht untätig bleiben, Leute.
Die stärksten Antworten entstehen oft direkt vor unserer eigenen Haustür. Hier kennen wir die Menschen und die Orte. Hier sehen wir, was funktioniert und was nicht. Und hier können wir tatsächlich etwas bewegen.
Regionale Lösungen dürfen natürlich nicht isoliert bleiben. Wir müssen uns vernetzen, Erfahrungen austauschen und voneinander lernen. Regional zu handeln bedeutet nicht, dass man sich von der Welt abschottet. Es bedeutet, dort anzufangen, wo man wirklich etwas tun kann.
Deshalb wird die Lokalpolitik in Zukunft noch stärker gefordert sein. Hier können Räume geöffnet, Beziehungen gepflegt und Menschen beteiligt werden. Hier kann aus einem Gedanken ein konkretes Projekt werden.
Dazu brauchen wir die Heimatforschung, die das Gewachsene sichtbar macht. Wir brauchen Kulturschaffende und Künstler, die neue Wege ausprobieren. Nicht jedes Experiment muss jedem gefallen. Aber wir müssen uns bewegen.
Denn „Das haben wir schon immer so gemacht“ ist der Feind jeder Entwicklung.
Und wir brauchen Menschen, die nicht bloß kritisieren, sondern mitmachen.
Wir werden die Welt nicht an einem Tag verändern. Aber wir können jeden Morgen aufstehen und versuchen, sie ein kleines Stück besser, lebenswerter und schöner zu machen.
Nicht aus Angst. Nicht weil uns jemand dazu zwingt. Sondern aus Zuwendung, Wertschätzung, Achtung, Menschenwürde und einer klaren Haltung. Und aus der Freude daran, gemeinsam etwas für die Zukunft zu schaffen.
Mit euch weiterleben
Ich danke allen, die an diesem Projekt mitgearbeitet und uns unterstützt haben.
Und jetzt lade ich euch ein: Geht mit uns den Weg. Hört euch die Beiträge an. Bleibt stehen, schaut euch um und nehmt euch ein bisschen Zeit.
Und wenn ihr dabei etwas ganz anderes entdeckt, als wir uns gedacht haben, dann ist das nicht falsch. Dann ist es genau richtig.
Denn diese Installation ist heute nicht fertig geworden.
Heute hat sie angefangen, mit euch weiterzuleben.