Sie schaut uns an. Nicht aus einer Rolle, nicht als Sinnbild und nicht als Anlass für malerische Virtuosität. Wir kennen ihren Namen nicht – und doch begegnen wir ihr.
Begegnung
Michiel Sweerts hat nicht das Bild einer alten Frau gemalt. Er hat die Frau gemalt. Sie schaut uns an – und wir erkennen sie, obwohl wir ihren Namen nicht kennen. Das Bild stellt sie nicht aus und erklärt sie nicht. Es macht Begegnung möglich.
Der Mensch wird hier nicht zum Anlass für Malerei. Die Malerei tritt zurück, damit ein Mensch gegenwärtig werden kann. Ihre müden, feuchten Augen, ihr weißes Kopftuch und das leise, beinahe zahnlose Lächeln werden nicht beschönigt. Aber nichts daran ist entblößend. Sweerts sieht ihre Würde, ohne sie ihr erst verleihen zu müssen.
Zum Werk
Das um 1654 entstandene Gemälde wird heute Michiel Sweerts zugeschrieben. Es befindet sich im J. Paul Getty Museum in Los Angeles und wird dort unter dem Titel Head of a Woman geführt. Die dargestellte Frau ist unbekannt.
Nuage
Wir kennen ihren Namen nicht
doch sie ist da
und sieht uns an
